Pillen-Kloake

Cool was eingeworfen? Uncool den Rest runtergespült

Frage | Miksch
Antwort | Miksch

Hintergrund:

Die Warnungen auf diesem Plakat behandelt das oft unsichtbare, aber ökologisch verheerende Problem der Spurenstoffe in unseren Gewässern. Kläranlagen sind für die Filterung menschlicher Ausscheidungen gebaut, schaffen es technologisch jedoch meist nicht, gelöste chemische Wirkstoffe aus dem Abwasser zu entfernen. [1]

Hier sind die detaillierten wissenschaftlichen und behördlichen Fakten zu den einzelnen Aussagen:

1. „Medikamente im Klo verursachen Stress in der Kläranlage und töten nützliche Bakterien.“

  • Das biologische Prinzip: Eine Kläranlage reinigt das Abwasser nicht nur mechanisch, sondern primär biologisch. In den Belebungsbecken bauen Milliarden nützlicher Bakterien und Mikroorganismen organische Abfallstoffe, Stickstoff und Phosphor ab.
  • Gefahr für die Reinigung: Werden hochkonzentrierte Medikamente (wie Desinfektionsmittel, starke Schmerzmittel oder Krebsmedikamente) heruntergespült, wirken diese wie Gift auf die biologische Stufe. Sie können die empfindlichen Bakterienkulturen schädigen oder abtöten. Bricht diese Bakterienpopulation ein, verliert die Kläranlage temporär ihre Reinigungskraft, und ungeklärtes Abwasser droht in Flüsse zu fließen.

2. „Antibiotika im Klo führen zu resistenten Keimen, die für den Menschen zur tödlichen Bedrohung werden.“

  • Der Selektionsdruck: Antibiotika sollen Bakterien abtöten. Gelangen sie verdünnt ins Abwasser, sterben zwar viele harmlose Bakterien, aber diejenigen mit zufälligen Erbgutveränderungen überleben. [1, 2]
  • Kläranlagen als „Brutstätten“: In den warmen, nährstoffreichen Becken von Kläranlagen treffen diese überlebenden Keime auf engstem Raum aufeinander. Bakterien besitzen die Fähigkeit, ihre Resistenzgene untereinander auszutauschen – sogar artübergreifend. [1, 2]
  • Die Gefahr für den Menschen: Diese nun antibiotikaresistenten Keime (Supererreger) werden durch den Kläranlagen-Ablauf in Flüsse und Badeseen gespült. Infizieren sich Menschen beim Baden oder über die Nahrungskette mit diesen Keimen, schlagen herkömmliche Antibiotika im Krankenhaus im Ernstfall nicht mehr an. Dies stellt weltweit eine der größten Bedrohungen für die moderne Medizin dar. [1, 2, 3]

3. „Schmerzmittel im Klo vergiften die Gewässer und führen zu schweren Organschäden bei Fischen.“

  • Der Fall Diclofenac: Eines der bekanntesten und am häufigsten nachgewiesenen Schmerzmittel in deutschen Gewässern ist Diclofenac (oft in Rheuma- und Schmerzgelen oder Tabletten enthalten). [1, 2]
  • Chronische Schäden: Bereits in extrem geringen Konzentrationen (im Mikrogramm-Bereich pro Liter) führt der Wirkstoff bei Fischen (wie Forellen) zu nachweisbaren Nierenschäden und schweren Veränderungen der Leber. Auch die Gewebeveränderungen an den Kiemen schränken die Atmung der Tiere ein. [1, 2]
  • Verhaltensänderungen: Andere Medikamente wie Antidepressiva oder Hormone (z. B. aus der Antibabypille) verändern das Paarungsverhalten von Fischen oder führen zur Verweiblichung männlicher Fische, was ganze Populationen bedroht.

4. „Die richtige Entsorgung: Arzneien gehören in die Restmülltonne...“

  • Der sicherste Entsorgungsweg: Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und das Umweltbundesamt bestätigen offiziell: In den allermeisten Regionen Deutschlands ist der Hausmüll (Restmüll) der korrekte und sicherste Weg für Altarzneimittel.
  • Zerstörung durch Hitze: In Deutschland wird der Restmüll flächendeckend in Müllverbrennungsanlagen transportiert. Bei den dort herrschenden Temperaturen von über 850 °C bis 1.000 °C werden die komplexen chemischen Wirkstoffe der Medikamente vollständig und rückstandslos zerstört. Es verbleiben keine gefährlichen Substanzen, die in die Umwelt gelangen könnten.
  • Wichtiger Hinweis zur Sicherheit: Um zu verhindern, dass spielende Kinder oder Haustiere an die weggeworfenen Medikamente in der grauen Tonne gelangen, sollten Tabletten und Säfte idealerweise verdeckt (z. B. eingewickelt in Zeitungspapier) tief in den Hausmüll geworfen werden. Alternativ bieten viele Wertstoffhöfe oder manche Apotheken eine freiwillige Schadstoffrücknahme an. [1, 2, 3, 4]